Die andere Sicht zum Klimawandel

Ohne wenn und aber erzählen Journalist:innen wie Ugochi Anyaka eine andere Geschichte als Mainstream-Medien, geht es doch um die Zusammenhänge von Klimawandel, Umweltverwüstung und Migration. Und dies mit brennender Leidenschaft.

Von Ugochi Anyaka-Oluigbo

Die Teilnahme an der Internationalen Journalismuskonferenz in Perugia war für mich ein Höhepunkt dieses Jahres. Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich auf einer Konferenz in Perugia gesprochen habe, aber zum ersten Mal beim Internationalen Journalismusfestival. Die Menge der Journalisten und Branchenvertreterinnen, die aus der ganzen Welt angereist waren, war beeindruckend. Dank Drilled Media und dem Pulitzer-Zentrum konnte ich als Rednerin an einer der Sitzungen teilnehmen. Als ich erwähnte, dass es in meinem Panel um Klima-Desinformation gehen wird, zeigten die Leute grosses Interesse. Das ist verständlich, denn jahrzehntelang haben reiche und einflussreiche Konzerne und Einzelpersonen Nachrichten und Informationen manipuliert.

Meine Kollegin Amy Westervelt, Gründerin von Drilled Media, hat sich der Fehlinformationen in Sachen Umweltthemen angenommen. Ihre Arbeit wurde bereits mit mehreren Preisen wie etwa dem Rachel-Carson- und Folio-Preis sowie mit einer Peabody-Nominierung ausgezeichnet.

Amy Westervelt, Ugochi Anyaka-Oluigbo, Steve Sapienza und Florencia Bellarino beim Journalisten Festival in Perugia.
Foto: Diego Figone

Sie lebt in Costa Rica. Seit 20 Jahren berichtet sie für renommierte Medien, darunter Inside Climate News, die Washington Post und den Guardian. Im Jahr 2017 gründete sie die Podcast-Produktionsfirma Critical Frequency, die 2018 den ersten »True-Crime«-Klima-Podcast Drilled herausbrachte, dessen Themen von indigenen Rechten bis zu Klimaprozessen reichen. Ebenfalls auf dem Podium sass Florencia Ballarino, Wissenschaftsjournalistin und leitende Redaktorin bei Chequeado, der ersten Organisation, die sich in Argentinien und Lateinamerika um die Überprüfung von Fakten kümmert. Sie ist ausserdem Vizepräsidentin des Argentinischen Netzwerks für Wissenschaftsjournalismus. Unsere Sitzung wurde von Steve Sapienza moderiert, einem preisgekrönten Dokumentarfilmproduzenten, der in vielen Ländern über eine breite Palette der menschlichen Sicherheit berichtet hat, beispielsweise über die Kindersoldaten in Sierra Leone, Klimaflüchtlinge in Bangladesch und Überlebende von Landminen in Kambodscha. Angesichts dieser hochkarätigen Zusammensetzung kam es zu einem bereichernden Erfahrungsaustausch hinsichtlich der Berichterstattung über den Klimawandel in Amerika, Afrika und Europa.

Gesponserte Propaganda

Amy Westervelt realisierte mehrere Projekte, bei denen es um grosse Ölkonzerne ging und darum, wie diese die Medien und globale Klimaentscheidungen manipulieren. Ich konnte mit ihr zusammenarbeiten und wir fanden heraus, wie Discovery Education von Ölkonzernen gesponserte Propaganda in die Lehrpläne von Schulen auf der ganzen Welt schmuggelt. Pikant: Discovery Education gehört zum Discovery Channel, einem Sender, der Umweltthemen behandelt. Die Desinformationen der Unternehmen, die fossile Brennstoffe herstellen, stellen häufig die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels und der Umweltproblematik in Frage. Sie widersprechen selbst Berichten, die von ihren eigenen Wissenschaftlern veröffentlicht wurden und erklären, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Zudem fördern sie Lösungen, die nicht nachhaltig sind, die jedoch ihre Profite schützen, wie zum Beispiel das Drängen auf CO₂-Gutschriften. Zudem drängen diese Ölkonzerne auf die Beschneidung der Rechte indigener Gemeinschaften, wenn es um eine nachhaltige Nutzung ihrer Wälder und anderer natürlichen Ressourcen geht.

Ugochi Anyaka-Oluigbo, freischaffende Umweltjournalistin, ist in rauen Gegenden unterwegs, um kaum bekannte Geschichten zu recherchieren. Für ihre Reportagen über Erosionen, Überschwemmungen und Wüstenbildung in Nigeria, über die Ölverschmutzung des Ogoniland, die die letzten Regenwälder Afrikas vernichten, wurde die in St.Louis (F) lebende Nigerianerin unter anderem mit dem United Nations Young Environmental Journalist Award ausgezeichnet. Ihr besonderer Dank gilt Drilled Media, dem Pulitzer Center in Perugia und Organisatoren des der Journalisten-Konferenz. Foto: Diego Figone

Diese Mechanismen ermöglichen es den reichen Ländern, die Umwelt weiter zu verschmutzen, während sie gleichzeitig erwägen, das Wachstum der Entwicklungsländer unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Klimawandels zu bremsen. Mit dem Sponsoring von Filmen, Veranstaltungen und selbst Nachrichtensendungen sind sie entschlossen, das kapitalistische System am Laufen zu halten.

Darüber hinaus zeigen Berichte, dass inzwischen auch künstliche Intelligenz (KI) dafür missbraucht wird, um von Fachleuten überprüfte Studien und wissenschaftliche Literatur in die öffentliche Debatte einzuspeisen. All diese Taktiken führen dazu, dass wirksame Massnahmen zum Klimawandel verzögert werden. Doch trotz dieses Vorgehens gegen Umweltkampagnen lassen sich die Beweise für ein gestörtes Klima nicht verbergen. Von verheerenden Überschwemmungen bis hin zur fortschreitenden Wüstenbildung, von kalten Sommern bis hin zu warmen Wintern – die klimatischen Veränderungen sind offensichtlich.

Konferenz

Die Konferenz fand bereits zum 12. Mal statt. Sie ist eine der grössten Veranstaltungen für Medienschaffende in Europa. An 12 Sitzungen nahmen Journalisten teil, die sich für Umweltthemen interessieren. Sie betonen: Um erfolgreich über Umweltthemen berichten zu können, braucht es Leidenschaft und echte Sorge um den Planeten.

So haben es sich diese Journalisten zur Aufgabe gemacht, den wissenschaftlichen Jargon, grosse Worte, Daten und Diagramme aufzuschlüsseln und sie für ihr Publikum verständlich darzustellen. Sie helfen mit, Fehlinformationen zu erkennen. Sie lehren die Öffentlichkeit, kritisch über Erzählungen nachzudenken und diese zu widerlegen.

Die Motivation, die kritische Medienschaffende trägt, ist genau diese Leidenschaft, gefährdete Menschen und Gemeinschaften dabei zu unterstützen, eine wichtige Brücke zwischen Forschenden, Wissenschaftler:innen, Unternehmen und Gemeinschaften schlagen zu können. Oft besteht die Herausforderung für viele Journalist:innen darin, Umweltthemen in den Nachrichtenredaktionen Gehör zu verschaffen. Das Media and Climate Observatory stellt fest: »Weltweit ging die Medienaufmerksamkeit im Jahr 2022 gegenüber 2021 um 11 Prozent zurück. Dennoch stieg die Berichterstattung im Jahr 2022 um 38 Prozent gegenüber 2020 und um 7 Prozent gegenüber 2019.«

Zur Flucht gezwungen

Es ist schockierend, dass das grösste Problem, mit dem sich die Menschheit konfrontiert sieht, nicht die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient. Der Vergleich zur Art und Weise, wie die Welt zusammenstand, um die notwendigen Mittel zur Bekämpfung von Covid zusammenzutrommeln, belegt den nachlässigen Umgang mit dem Klimawandel und macht klar, dass er als Problem der Länder des globalen Südens betrachtet wird. Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration fehlt denn auch in den Berichten zum Klimawandel. Dieses Faktum macht klar, wie entscheidend der Blickwinkel ist, aus dem der Klimawandel betrachtet wird.

Es ist die Realität von Menschen, dass sie zur Flucht gezwungen werden, weil ihr Land im Kampf um die Ausbeutung von Ressourcen mit Krieg überzogen wird, von Menschen, die vor Dürren, Hungersnöten, Überschwemmungen fliehen oder umziehen müssen. Diese erzwungene Reise kann sie in jeden Teil der Welt führen. Das Versäumnis, mächtige Akteure in den Bereichen Regierung, Finanzen, Erdöl, Bergbau, Pharmazie, Waffen usw. nicht mit der Umweltzerstörung in rohstoffreichen Regionen und Ortschaften in Verbindung zu bringen, führt zu Kriegen und Migration. Damit liegt auf der Hand, dass reichere Länder ihre Augen nicht vor dem Leid der anderen verschliessen dürfen, vor allem dann nicht, wenn ihr gutes Leben auf dem Rücken der verwüsteten rohstoffreichen Gebiete ausgetragen wird.

Shell unterstützte im Nigerdelta 1999 Angriffe der nigerianischen Regierung auf Ogoni-Aktivisten, die gegen die Ölverpestung ihres Landes protestiert hatten. Ugochi Anyaka-Oluigbo (Bild) war vor Ort. Foto: zVg

Rechtlicher Schutz enorm wichtig

Ich erinnere mich an die Geschichte von Fineboy Kuku aus Ogoni im nigerianischen Nigerdelta. Als die von Shell unterstützten Angriffe der Regierung auf Ogoni-Aktivisten zum Tod von neun Ogoni führten, flohen Landsleute wie Fineboy, um ihr Leben zu retten. Seit 1999 sitzt er nun in der Republik Benin fest und lebt dort als Flüchtling ohne jeglichen Rechtsstatus. Er ist einer von Millionen Männern, Frauen und Kindern, die gestrandet, inhaftiert oder tot sind, weil sie es gewagt haben, nach einem besseren Leben zu suchen. Seine Geschichte ist nichts im Vergleich zu der von Fatu und ihrer Tochter Maria, die nebeneinander liegend tot aufgefunden wurden, weil sie verdurstet sind. Sie waren auf dem Weg aus ihrem rohstoffreichen afrikanischen Land nach Europa.

Ironischerweise verschont der Klimawandel auch die Industrieländer nicht. Da sie in der Lage sind, die Folgen des Klimawandels abzumildern und Widerstandsfähigkeit aufzubauen, mögen die Folgen vielleicht nicht so verheerend sein. Allerdings sind die jüngsten Überschwemmungen in Europa, die Brände in den USA und andere verheerende Katastrophen ein Alarmsignal dafür, dass die Welt schnell handeln muss. Dazu gehört ein wichtiger Punkt: Wie das Internationale Journalismusfestival in Perugia unter anderem gezeigt hat, ist ein rechtlicher Schutz von Journalist:innen, Whistleblowern, Filmemachenden usw. eminent wichtig. Dies betonten in Perugia Journalist:innen, die wegen ihrer Berichterstattung über Regierungsführung, Korruption, Politik, Ungerechtigkeit usw. im Exil leben. Einige Sitzungen waren denn auch dem Schutz solcher Journalist:innen gewidmet.

Übersetzung aus dem Englischen: Wolf Südbeck-Baur

2 Kommentare zu „Die andere Sicht zum Klimawandel“

  1. Wäre es möglich, Ihren aus dem Englischen übersetzten Artikel „Die andere Sicht auf den Klimawandel“ mit dem englischen Original zu verlinken. Vielen Dank! Walter Buder

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