
Der Kontrast hätte fast nicht grösser sein können: vorne, auf dem Bundesplatz, der Neujahrsempfang mit viel Pomp, Publikum, berittener Polizei und Diplomaten aus aller Welt. Hinter dem Bundeshaus ein kleines Grüpplein Kinder, die dem Informationschef von Bundesrätin Sommaruga eine Petition überreichten. Die Petition allerdings hatte Gewicht, obwohl die Unterschriftenbogen in einem selbstgebastelten Boot Platz fanden. Die Thuner Kinder hatten 3621 Unterschriften gesammelt für ihre Bitte an den Bundesrat, mehr syrischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren.
Die Kinder hatten auf die Bootstragödie vor Lampedusa im Spätherbst reagiert. 300 Flüchtlinge waren ertrunken. Die Nachrichten berichteten darüber und zeigten geschockte Politiker, die ihr Bedauern formulierten. Die Kinder in Thun fanden aber: «Ihr müsst doch etwas tun». Miriam Helfenstein, 15, mobilisierte ihre Geschwister und Schulkolleginnen und -kollegen. Zusammen suchten sie nach Ideen und Möglichkeiten «etwas zu tun». Schliesslich hörten sie von den Schülerinnen, die in Rorschach im Zweiten Weltkrieg einen Brief an den Bundesrat formulierten und um die Aufnahme von Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland baten. Dies gab ihnen die Idee für ihre Petition. Nach einigen Gesprächen mit politisch erfahrenen Erwachsenen hatten die Schülerinnen und Schüler ihre Forderungen formuliert: mehr Kontingentsplätze für Flüchtlinge, Wiederienführung es Botschaftsasyls. (s. aufbruch Nr. 202).
Von da an gings an Unterschriften-Sammeln. «Manchmal gings uns ring,» bilanziert einer der jugendlichen Petitionäre, «aber oft wars auch ein Krampf». Viele Unterschriften kamen beispielsweise an einer Theateraufführung im Berner Kirchgemeindehaus Johannes zusammen. Dort führten Berner Kinder ein selbstverfasstes Stück zum Schicksal des Geschwisterpaars Sofie und Hans Scholl auf, die im 2. Weltkrieg Widerstand gegen das Nazi-Regime leisteten und ihren Einsatz mit ihrem Leben bezahlten. «Ring» gings auch an einer Weihnachtsfeier in der Berner Heiliggeistkirche. Schwieriger sei es gewesen, Passanten anzusprechen. Da war Mut und auch politisches Wissen gefragt. «Es gab Leute, die löcherten uns mit vielen Fragen», erzählt ein 12-jähriger, «und dann haben sie trotzdem nicht unterschrieben».
Aber trotz einigen enttäuschenden Erfahrungen sind sich die Kinder einig: Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Auch wenn am Schluss nicht, wie erhofft, die Bundesrätin persönlich, sondern ihr Pressesprecher Guido Balmer die Unterschriftenbögen in Empfang nahm. Dieser zeigte sich sehr beeindruckt von der Aktion der Kinder. Er hörte ihren Worten und auch ihrer Musik aufmerksam zu, bewunderte das mitgebrachte Transparent und versprach den Kindern, er werde ihre selbstgeschriebene Geschichte über den (fiktiven) Flüchtling Jussef Frau Sommaruga vorlesen. Als die Kinder dann keck fragten, ob ihr Transparent («Es braucht Hilfe – sofort!») nun im Bundesratszimmer aufgehängt werde, musste Balmer zwar verneinen, aber er versicherte den Petitionären, Simonetta Sommaruge werde ihnen schreiben. Und während die Thuner Kinder unter ihren geschenkten rot-weissen Mützen aus dem Bundeshaus etwas verlegen lächelten und dann ihre sieben Sachen wieder in ihre Schultaschen packten, schritten vorne ausländische Diplomaten über den roten Teppich ins Bundeshaus, wo sie aus präsidialem Munde später vernahmen: die Schweiz ist ein weltoffenes Land….
Rita Jost, Redaktorin bei reformiert.ch. Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit reformiert.ch entstanden.
Antwort von Bundesrätin Simonetta Sommaruga
Die Jugendlichen aus Thun erhielten am 3. Februar einen Brief von Simonetta Sommaruga. Sie dankte darin für die Petition und schrieb, dass sie das Engagement der Jugendlichen grossartig finde. Zu den gestellten Forderungen meinte die Bundesrätin: „Ich kann euch versprechen, dass ich mich dafür einsetzte, dass wir bei uns in der Schweiz weitere Flüchtlingsgruppen aufnehmen. Und wer weiss, vielleicht führen alle Länder das Botschaftsasyl ja irgendwann gemeinsam wieder ein.“ Zum Schluss schrieb Sommaruga, dass es sie sehr freuen würde, wenn die Jugendlichen auch weiterhin politisch aktiv bleiben.